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In den USA jobben

Leben und Arbeiten

Ankunft und der erste Tag in den Staaten

Es war April und dort bereits weitaus wärmer als in Deutschland. Ich schnappte mein Gepäck und passierte die Paßkontrolle ohne Schwierigkeiten. Zur Sicherheit holte ich das Pappschild mit meinem Namen aus der Tasche, aber es war nicht notwendig gewesen, denn im selben Moment eilte freudestrahlend eine junge Frau auf mich zu. Lesley hatte mich gleich von meinem Foto her erkannt. Ich fand sie gleich sehr sympathisch, da sie auf mich sehr jung wirkte. Sie ist zehn Jahre älter als ich, das sah man aber nicht auf den ersten Blick. Sean stand in einer Ecke und betrachtete mich gelangweilt. Ich begrüßte ihn mit einem kurzen »Hallo«, das er erwiderte. Er brauchte noch Zeit, um sich an mich zu gewöhnen. Lesley half mir mit dem Gepäck, während wir zum Auto auf dem riesigen Parkplatz vor dem Flughafengebäude marschierten. Wir beschlossen, gleich nach Hause zu fahren, da es schon Abend war und uns noch eine Autofahrt von 1½ Stunden bevorstand. Die Müdigkeit aufgrund des Zeitunterschieds überfiel mich plötzlich, so daß ich mich nur mühsam unterhalten konnte. Lesley und ich lächelten uns nur hin und wieder an, eine Unterhaltung auf Englisch hätte ich auch im wachen Zustand als anstrengend empfunden. In meiner Schulzeit, die schon fünf Jahre zurücklag, hatte ich in Englisch immer die schlechteste Note und seitdem hatte ich nicht mehr viel Englisch gesprochen.

Ich war mir darüber bewußt, daß ein Stück harte Arbeit auf mich zukam. Wir hielten bei einer Pizzeria, um uns vor dem Zubettgehen noch zu stärken. Dort lächelte mich Sean zum erstenmal an. Wahrscheinlich gefiel es ihm, daß ich Pizzen genauso mochte wie er. In meinem neuen Zuhause angekommen, begutachtete ich nur kurz das Haus und fiel dann todmüde ins Bett. Da der nächste Tag auf einen Sonntag fiel, frühstückten wir lange und genüßlich.

Meine Aufgaben

Lesley erzählte mir von sich und wie sie sich den Lebensabschnitt mit mir vorstellte. Sie war als leitende Angestellte in der Verwaltung eines Dog-Tracks beschäftigt. Ich fand das sehr interessant, konnte mir aber nicht sehr viel darunter vorstellen. In diesen Tracks finden jedes Wochenende mit Wetteinsätzen verbundene Hunderennen statt. Diese »Sportart« ist in den USA sowie in England sehr populär geworden. Lesley erzählte weiter, daß Sean in die zweite Klasse gehe und erst – wie in den Staaten üblich – gegen 15.30 h von der Schule und Hausaufgabenbetreuung nach Hause komme. Meine Aufgabe sei es, ihm eine Kleinigkeit zu essen zu richten. Danach solle ich mit ihm eine Stunde etwas lesen oder Diktat üben, seine großen Schwachstellen in der Schule. Morgens müsse ich nicht unbedingt mit Sean aufstehen, da Lesley zur selben Zeit wie Sean aufstand und sich somit um Sean kümmern könne, so daß er rechtzeitig das Haus verlässt. Das alles hörte sich gut an, und ich freute mich. Ja, ich brauchte Sean noch nicht einmal mit dem Auto zur Schule zu fahren, da er den Schulbus nahm.

Da Lesley alleinerziehende berufstätige Mutter war und oft bis spät abends arbeiten mußte, war klar, daß ich mehr babysitten mußte als andere Aupairs. Wir einigten uns darauf, abwechselnd abends die Aufsicht von Sean zu übernehmen, so daß sie ihren Dienstplan darauf abstimmen und ich Verabredungen mit Freunden treffen bzw. Abendkurse besuchen konnte. Einmal im Monat hatte Lesley das ganze Wochenende zu arbeiten, so daß sie mir dann nicht freigeben konnte. Ihr Auto mußte ich mit ihr teilen, da sie mir kein eigenes zur Verfügung stellen konnte. Das hatte anscheinend auch ganz gut mit meinen Vorgängerinnen geklappt, denn Lesley meinte, es habe dabei auch in der Vergangenheit keine Schwierigkeiten gegeben. Wichtig sei nur, sich rechtzeitig abzusprechen. Damit war ich einverstanden. Das ausgelegte Geld für das Flugticket erstattete Lesley mir übrigens gleich nach meiner Ankunft.

Die erste Zeit

Eine Woche brauchte ich, um mich in meinem neuen Umfeld zu akklimatisieren. Sean war immer noch sehr distanziert mir gegenüber. Anfangs trauerte er noch sehr stark meiner Vorgängerin nach, was sich auch darin äußerte, daß er mich oft mit Simone ansprach. Zum Glück legte sich das bald.
In der zweiten Woche schrieb ich mich für zwei Englischkurse am College ein und belegte im darauffolgenden Monat zusätzlich noch einen Spanischkurs. In diesem Kurs habe ich mehr Englischvokabeln gelernt als in dem ganzen Monat davor. Außerdem lernte ich dort neue Freunde kennen, mit denen ich auch außerhalb der Schule etwas unternehmen konnte.

Lesley trug auch sehr dazu bei, daß ich mich gleich von Anfang an bei ihr wohlfühlte und eigentlich nie starkes Heimweh hatte. Sie stellte mir ihre Freunde vor, nahm mich mit zu Parties, die vom Dog-Track aus organisiert waren. Kurzum, mir boten sich genügend Gelegenheiten, junge interessante Leute kennenzulernen. Nach zwei Monaten waren meine Englischkenntnisse enorm verbessert und bald stellte sich zum ersten Mal ein Traum auf englisch ein. Seit meiner Ankunft in den Staaten hatte ich kaum noch deutsch gesprochen. Ich sprach bzw. dachte nur noch deutsch, wenn ich mit meiner Familie telefonierte oder Briefe schrieb. Gegen Ende meiner Aupair-Zeit kam es schon häufiger vor, daß ich bei Telefonaten nach Deutschland oder beim Briefe schreiben Deutsch und Englisch durcheinanderbrachte. Oft wollten mir die passenden deutschen Wörter und Redewendungen partout nicht mehr einfallen.

Zwischen Lesley und mir entwickelte sich eine schöne Freundschaft, die überhaupt nicht oberflächlich war. Das Vorurteil, daß Amerikaner oberflächlicher seien als Deutsche, kann ich nicht bestätigen. Ich hatte zwar in den Staaten auch oberflächliche Bekanntschaften, genauso wie zu Hause, aber auch Freunde, auf die ich mich verlassen konnte. Mit einigen davon stehe ich bis heute noch im Kontakt. Ein paar besuchten mich sogar nach meiner Aupair-Zeit in Deutschland.

An meinen freien Wochenenden ging ich mit Freunden ins Kino. Wir schauten Baseball- und Footballspiele zusammen an oder unternahmen lange Wanderungen. Im Sommer ging ich wenn immer möglich am nahegelegenen Genfer See »Geneva Lake« schwimmen. Ich fand es besonders originell, daß die Amerikaner dort den Genfer See aus der Schweiz ziemlich wirklichkeitsgetreu nachgestaltet hatten. Die Stadt »Lake Geneva« mit nur ca. 50.000 Einwohner ist jedoch lange nicht mit der Stadt Genf in der Schweiz vergleichbar. Ich empfand es damals ganz angenehm, nicht in einer anonymen Großstadt zu leben.

Freizeit

Wenn ich das Bedürfnis nach Großstadtflair verspürte, besuchte ich an meinen freien Wochenenden Freunde in Madison oder Milwaukee, beide unweit von Lake Geneva. Madison, eine schöne Universitätsstadt vergleichbar mit Freiburg, gefiel mir besonders gut. Nach Milwaukee, einer häßlichen Industriestadt, hingegen ging ich nur, weil dort Freunde von mir studierten. Es gibt dort eine relativ hohe Arbeitslosigkeit, was sich durch eine gespannte Atmosphäre bemerkbar macht. Dies äußert sich dadurch, daß ein unterschwelliger Rassismus vielerorts spürbar ist. Statistiken zufolge sind die sozialen Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß in Milwaukee verglichen mit allen anderen US-Städten am größten. Häufig leben die verschiedenen Rassen in unterschiedlichen Stadtteilen, so daß sie streng voneinander getrennt bleiben. Eine Freundin bestätigte dies, indem sie mir erzählte, daß bei Burger King in Milwaukee Schwarze entweder zum Personal oder den Gästen zählen würden, wohingegen bei Mac Donalds nur Weiße anzutreffen seien.

In der Kunststadt Chicago war ich nur zwei oder drei Mal. Ich empfand sie als eine höchst widersprüchliche Stadt. Einerseits gibt es viel pompöse Architektur, während nebenan tausende Obdachlose unter Pappplatten hausen. An Südchicago – vergleichbar mit New York´s Stadtteil Harlem – habe ich schlechte Erinnerungen. Als Lesley, Sean und ich einmal unseren Weg durch diese Viertel nehmen mußten, hielt Lesley es zur Sicherheit für angebracht, die Türen von innen zu verriegeln. Rassismus in dem Maße, wie ich ihn in den Staaten erlebte, kannte ich vorher nicht.

Ende August besuchten Sean und ich vier Wochen Lesley´s Eltern in Florida. Lesley konnte uns nicht begleiten, da sie arbeiten mußte. Ich genoß diese Zeit sehr, da die Zeit für mich auch eine Art Urlaub war, denn ständig war jemand da, der sich um Sean kümmerte, so daß ich meinen Babysitterpflichten wenig nachzukommen brauchte. Wir besuchten Flohmärkte, machten Ausflüge oder gingen schwimmen. In dieser Zeit wurde es mir wieder bewußt, wie richtig meine Entscheidung vor nunmehr einem halben Jahr gewesen war.

Unserer Vereinbarung über das Auto pendelte sich so ein, daß wir uns fast immer einigen konnten. Stand mir mal kein Wagen zur Verfügung, so organisierte ich es so, daß ich von zu Hause abgeholt wurde. Ab und zu fuhr ich auch mal als Anhalterin. Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte ich eine freie Woche, die ich kurzentschlossen in New York verbrachte. Diese Stadt faszinierte mich sehr, so daß ich mir damals hätte vorstellen können, dort eine Weile zu wohnen.

Ende meiner Aupair-Zeit

Im Januar war meine Zeit als Aupair abgelaufen, ob ich wollte oder nicht. Lesley engagierte nach mir keine Aupairs mehr. Sie meinte, nachdem Sean auch älter und vernünftiger geworden sei, werde ihr nun ein gelegentlicher Babysitter vor Ort ausreichen. Das bedauerte ich sehr, denn ich hätte ihr gerne eine meiner Freundinnen als Nachfolgerin vermittelt. Gerade jetzt, wo ich so mit Sean und Lesley vertraut geworden war und mir einen netten Freundeskreis aufgebaut hatte, mußte ich wieder gehen.

Abschied und Zukunftspläne

Ich hatte zu dem Zeitpunkt keine Vorstellung davon, was ich danach beruflich machen wollte und ließ einfach alles auf mich zukommen.

Lesley versuchte den Abschied nicht zu dramatisieren, indem sie normal ihrer Arbeit nachging und mich deshalb nicht nach Chicago zum Flughafen fuhr, sondern nur zum nächstgelegenen Bahnhof. Wir verabschiedeten uns heulend trotz unserer Abmachung, dies nicht zu tun und versprachen uns, uns bald wiederzusehen, entweder in Deutschland oder in den USA. Bis heute hat dies leider noch nicht geklappt. Wir halten aber noch regelmäßigen Briefkontakt. Im Zug auf dem Weg nach Chicago dann fühlte ich mich hin- und hergerissen: einerseits herrschte Trauer, meine neu gewonnenen Freunde nun schon wieder verlassen zu müssen, andererseits auch Freude, meine Familie und meine Freunde bald wiederzusehen zu können.

Wieder zu Hause

Bei der Ankunft am Züricher Flughafen merkte ich erst, wie sehr meine Familie mich vermißt und was ich doch für ein großes Loch bei ihnen hinterlassen hatte. Ich hatte nicht so sehr wie sie unter der Trennung gelitten, da ich ständig mit neuen Dingen konfrontiert war und deshalb auch wenig Zeit zum Traurigsein blieb.

Als ich begann, meinen Eltern von meinen vergangenen Monaten zu erzählen, hatte ich den Eindruck, jedes Wort erst aus dem Englischen übersetzen zu müssen. Wäre mir dies von jemandem noch vor einem Jahr vorhergesagt worden, so hätte ich das ganz sicher nicht geglaubt.
Ungefähr nach einem Monat hatte ich mich wieder in Deutschland eingelebt und auch schon wieder Pläne geschmiedet. Ich meldete mich an einem Fremdspracheninstitut an, um dort meine Sprachkenntnisse zu vertiefen.

Susanne Haas

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